
Werden Unternehmen Opfer von Wirtschaftskriminalität, sehen sie sich häufig mit der schmerzlichen Tatsache konfrontiert,
dass die Täter gute Bekannte sind: In den meisten Fällen sind die Täter nämlich eigene Mitarbeiter.
Wer Wirtschaftskriminaliät ausschließlich oder überwiegend als eine externe Bedrohung betrachtet, unterliegt einer gravierenden
Fehleinschätzung, denn die Haupttäter kommen mehrheitlich (zu 51 Prozent) aus den geschädigten Unternehmen selbst. Zu diesem
gleichlautenden Ergebnis kommmen zwei unterschiedliche Studien über Wirtschaftskriminalität in deutschen Unternehmen. Während
die Studie „Wirtschaftskriminalität 2009“ von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC)
die Situation in deutschen Großunternehmen widerspiegelt, liefert die Untersuchung „Wirtschaftskriminalität. Die verkannte
Gefahr“ der Euler Hermes Kreditversicherungs AG ein repräsentatives Bild für den Mittelstand. Beide Studien gehen ausführlich
auf die Fragen nach Tätern und Ursachen von Wirtschaftskriminalität ein.
Ein krasses Missverhältnis zwischen Gefahreneinschätzung und tatsächlichem Gefährdungspotenzial macht die Euler Hermes-Studie für
den Mittelstand aus. Auf die Frage, ob wirtschaftskriminelle Handlungen von eigenen Mitarbeitern oder von externen Personen eine
größere Gefahr darstellen, antworteten 12 Prozent der Unternehmer, dass von Mitarbeitern ein höheres Risko ausgehe, 22 Prozent
meinten dies von externen Personen. Die Realität sieht anders aus: In 39 Prozent der von Wirtschaftskriminalität betroffenen
Unternehmen waren die Täter nur Personen von außerhalb, während bei 51 Prozent ausschließlich eigene Mitarbeiter die Taten begingen.
In den anderen Fällen waren beide Tätergruppen beteiligt.
Langjährige Mitarbeiter, solche mit hohem Qualifikationsgrad sowie einer gehobenen Postion im Unternehmen gelten gemeinhin als
besonders zuverlässig und am wenigsten anfällig für wirtschaftskriminelle Handlungen. Ein Urteil, das nach den Ergebnissen der PwC-Studie
revidiert werden muss. Der typische Wirtschaftsstraftäter sieht vielmehr so aus: Etwa 40 Jahre alt, männlich, überdurchschnittlich
gebildet, sozial unauffällig und zum Zeitpunkt der Tat bereits acht Jahre auf seiner Position im Unternehmen. Ein genauer Blick auf
die Positionen, die Täter im Unternehmen bekleiden, ergibt folgendes Bild: Zu 38 Prozent kommen die Täter aus dem mittleren Management
und zu 29 Prozent sogar aus dem Topmanagement. Nur ein Drittel sind andere Beschäftigte. Die Verfasser schließen daraus, dass ein
Vertrauensbonus gegenüber bestimmten Personen oder Personengruppen innerhalb eines Unternehmens empirisch betrachtet nicht
gerechtfertigt sei.
Was die Position der internen Täter betrifft, kommt die Euler Hermes-Untersuchung – jedenfalls für den Mittelstand - zu einem völlig
anderen Ergebnis. Danach befragt, von welchen Personengruppen aus dem Unternehmen das größte Gefahrenpotenzial für wirtschaftskriminelle
Handlungen ausgehe, antworteten 34 Prozent der Unternehmer, dies seien leitende Angestellte bzw. Personen aus dem mittlere Management,
22 Prozent verdächtigten besonders Geschäftsführung bzw. Vorstand und 14 Prozent die Führungskräfte im Topmanagement. Nur 22 Prozent
hielten einfache Angestellte bzw. Fachkräfte für die größte Gefahr. Auch dies eine falsche Einschätzung der Realitäten, denn tatsächlich
entfielen von den internen Tätern 71 Prozent auf einfache Angestellte und Fachkräfte, 24 Prozent auf leitende Angestellte und mittleres
Management und nur sechs Prozent auf die Geschäftsführung oder den Vorstand. Allerdings waren die durch Wirtschaftskriminalität
verursachten Schäden deutlich höher, wenn Führungskräfte ihre Finger im Spiel hatten. Vor diesem Hintergrund, so räumt die Studie
ein, erkläre sich z.T. der besondere Verdacht gegen Führungskräfte.
Nicht zu unterschätzen sind auch die Gefahren, die von potenziellen externen Tätern ausgehen.
Der aktuelle Verfassungsschutzbericht, der sich auf das Jahr 2008 bezieht, stellt fest, dass deutsche Unternehmen zunehmend den
Risiken des illegalen Know-how-Transfers durch Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung ausgesetzt sind. Besonders auffällig
involviert sind die Nachrichtendienste Chinas und Russlands, die mit ihren Spionageergebnissen die eigene Wirtschaft und ihre
Unternehmen stärken wollen. Deutsche Unternehmen aller Größenordnungen geraten vor allem aufgrund ihres hohen technischen Niveaus
und ihrer Innovationsfähigkeit ins Visier ausländischer Dienste. Das Interesse gelte vor allem deutscher Spitzentechnologie aus
den Bereichen Automobilbau, erneuerbare Energien, Chemie, Kommunikation, Optoelektronik, Röntgentechnologie, Rüstung, Werkzeugmaschinen,
Verbundwerkstoffe und Materialforschung.
Unternehmen, die bereits schon einmal Opfer von Wirtschafts- und Industriespionage geworden sind, gehen – so die PwC-Studie – deutlich
häufiger als noch nicht betroffene Unternehmen davon aus, dass diese Delikte durch Betetilgung ausländischer Nachrichtendienste begangen
wurden (26 zu acht Prozent).
Die Euler Hermes-Studie stellt auch bei den externen Wirtschaftsstraftaten eine deutliche Diskrepanz zwischen der Einschätzung der Tätergruppen und deren tatsächlicher Beteiligung fest. So meinten 29 Prozent der Mittelständler, dass unter den externen Personengruppen die größte Gefahr von externen Dienstleistern im Unternehmen ausgehe, 21 Prozent nannten externe Personen ohne Geschäftsbeziehung zum Unternehmen, 19 Prozent Kunden und Mandanten, 12 Prozent Lieferanten und 10 Prozent Geschäftspartner. Die externe Gruppe mit der häufigsten Verwicklung in Wirtschaftsstraftaten war jedoch tatsächlich die der Kunden und Mandanten (57 Prozent), gefolgt von Personen ohne Geschäftsbeziehung zum Unternehmen (25 Prozent). Lieferanten und externe Dienstleister waren nur zu jeweils fünf Prozent beteiligt, Geschäftspartner lediglich zu zwei Prozent. Ähnlich wie bei der Beurteilung der internen Täter beeinflusse die hohe Schadenssumme, die durch externe Wirtschaftsstraftäter entsteht, die Wahrnehmung – so die Studie. Externe Personen und Führungskräfte fielen zwar viel seltener als Täter auf, verursachten aber weit höhere Schäden. Da sich hohe Schäden aber deutlicher ins Bewusstsein einprägten als Bagetellschäden, prägten sie auch die Einschätzung potenzieller Wirtschaftsstraftäter.
Als Ursachen für wirtschaftskrimelle Handlungen sieht die PwC-Studie ein Zusammenwirken persönlicher Tatgründe, unternehmensspezifischer Faktoren und unzureichender Kontrollen. Von den Unternehmen selbst werden als persönliche Tatgründe am häufigsten mangelndes Unrechtsbewusstsein (62 Prozent), finanzieller Anreiz/Gier (55 Prozent), leichte Verführbarkeit (42 Prozent) und ein aufwändiger Lebensstil der Täter (36 Prozent) genannt. Dieses Ursachenmuster variiert nur gering zwischen internen und externen Tätern. Hinzu kommt, dass insbesondere interne Täter quasi als Schutzmechanismus Rechtfertigungs- und Neutralisierungstechniken entwickeln, um die Taten auch vor sich selbst leichter begründen und rechtfertigen zu könnnen. Die Ursachen für Wirtschaftsdelikte sind aber nicht ausschließlich in den Täterpersönlichkeiten zu finden, auch unternehmensspezifische Faktoren spielen eine gewichtige Rolle. Die Studie nennt hier u.a. auch verdeckte Anreize in Verträgen und Gratifikationsvereinbarungen, die z.B. Korruption und kartellwidrige Absprachen begünstigten. Als weitere Faktoren nennen die Großunternehmen vor allem mangelnde Übereinstimmung der Täter mit den Unternehmenszielen (23 Prozent), berufliche Enttäuschungen (17 Prozent), eine hohe Anonymität (16 Prozent) sowie einen hohen Druck durch Zielvorgaben (14 Prozent). Als dritter Bereich werden mangelnde interne Kontrollen genannt, 44 Prozent der Unternehmen halten diese für mitursächlich.
Für den Mittelstand spielt bei den Ursachen für Wirtschaftskriminalität ein mangelndes Unrechtsbewusstsein keineswegs mehr die
Hauptrolle. Andere Aspekte haben sich in den Vordergrund geschoben. So meinen mittelständische Unternehmen, dass neue technische
Möglichkeiten (insbesondere das Internet) sowie die zunehmende Internationalisierung der Wirtschaft auch neue Möglichkeiten für
wirtschaftskriminelle Handlungen eröffnen. Darüber hinaus sehen mittelständische Unternehmen in einer geringen Identifikation mit
dem Unternehmen und in der Entfremdung der Mitarbeiter ein starkes Moment, das zu wirtschaftskriminellen Straftaten führt. Wenn
eigene Mitarbeiter Eigentums- oder Vermögensdelikte begehen, werden auch persönliche finanzielle Schwierigkeiten als Grund angesehen
und – wenn es um Industriespionage
oder Verrat von Unternehmensgeheimnissen geht – auch der zunehmende Wettbewerbsdruck im
wirtschaftlichen Umfeld.
Die Kenntnisse über Täter und Tätergruppen, über persönliche Motive und über die Einflüsse von Unternehmenskultur sowie wirtschaftlicher
und technischer Entwicklungen liefern die Ansatzpunkte für eine wirkungsvolle Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität.
detektei-pool / 2009