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WirtschaftskriminalitätWirtschaftskriminalität – Alltag in Deutschland

Zwei Männer, die Aktentaschen tauschen

Die Wirtschaftskriminalität in Deutschland geht zurück – sagt die Statistik. Die Fallzahlen steigen und werden aller Voraussicht nach weiter steigen – sagen die Unternehmen. Tatsache ist: Wirtschaftskriminalität gehört zum Alltag in Deutschland und nimmt immer größere Ausmaße an.

Riesiges Dunkelfeld

Die jüngste polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet für 2008 einen Rückgang der Wirtschaftskriminalität um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf insgesamt 84.550 Fälle. In nahezu allen Bereichen ist ein teilweise auch deutlicher Rückgang der Fallzahlen zu verzeichnen. Die Kriminalstatistik räumt ein, dass aus der Entwicklung der Fallzahlen kaum eine aussagekräftige Tendenz abgelesen werden könne und die polizeiliche Statistik das Ausmaß der Wirtschaftskriminalität nur eingeschränkt wiedergebe. Es sei von einem großen Dunkelfeld auszugehen.

Die tatsächlichen Dimensionen der Wirtschaftskriminalität bleiben weitgehend unsichtbar, auch wenn das mediale Interesse deutlich zugenommen hat. In den Fokus der Öffentlichkeit geraten aber meist nur die spektakulären Fälle mit prominenten Firmen oder Personen in der Täter- und Opferrolle. Das wiederum mag den Eindruck erwecken, es handele sich lediglich um bedauerliche Einzel- und Ausnahmefälle und bei den Tätern um ein paar wenige schwarze Schafe. Ein Trugschluss, denn die Fälle von Wirtschaftskriminalität, die es in die Schlagzeilen schaffen, bilden lediglich die Spitze des Eisbergs.

Wirtschaftskriminalität in deutschen Großunternehmen

Einen tieferen Einblick in Ausmaß und Folgen von Wirtschaftskriminalität in deutschen Unternehmen gewähren einige umfangreiche Studien, die zwischen Herbst 2008 und Herbst 2009 veröffentlicht wurden. In den vergangenen zwei Jahren (2007 bis 2009) sind rund 61 Prozent der deutschen Großunternehmen Opfer von Betrug, Korruption, Spionage oder anderen Wirtschaftsstraftaten geworden. Das ist ein Ergebnis der Studie „Wirtschaftskriminalität 2009“, die von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg erstellt wurde und die Situation in deutschen Großunternehmen beschreibt. Die Studie geht davon aus, dass der Anteil von Wirtschaftskriminalität betroffener Unternehmen tatsächlich noch höher anzusetzen ist, da viele Delikte schlicht nicht bemerkt werden.

Zielscheibe Mittelstand

Wirtschaftskriminalität ist keineswegs auf Großunternehmen beschränkt. Zielscheibe von Wirtschaftsstraftaten sind ebenso häufig kleine und mittelständische Unternehmen. Einer Studie des Wirtschaftsprüfungs-- und Beratungsunternehmens KPMG und des Bundesverbandes der Deutschen Industrie e.V. („Sichere Geschäfte? Wirtschaftskriminalität – Risiken für mittelständische Unternehmen“) zufolge waren 20 Prozent der Unternehmen mit einem Jahresumsatz von bis zu 100 Millionen Euro Umsatz schon einmal Opfer von Betrug, Unterschlagung oder Untreue, bei mittleren Unternehmen waren es 31 Prozent. Ins Visier von Wirtschaftsstraftätern gerät der Mittelstand vor allem auf Grund des technischen Know-hows, das vielfach den Erfolg mittelständischer Unternehmen begründet. Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine für den Mittelstand repräsentative Studie der Euler Hermes Kreditversicherungs AG („Wirtschaftskriminalität. Die verkannte Gefahr“). Ein Drittel aller Unternehmen war in den vergangenen zwölf Monaten (Befragung August/September 2008) Opfer von wirtschaftskriminellen Handlungen. Bemerkenswert ist, dass mehr als die Hälfte aller geschädigten Unternehmen berichtet, im betrachteten Zeitraum wiederholt mit Wirtschaftskriminalität konfrontiert worden zu sein.

Wirtschaftskriminalität bleibt häufig unentdeckt

Viele Delikte bleiben unentdeckt – darauf weisen alle Studien hin. In der Euler Hermes-Studie bestätigen zwei Drittel der Unternehmen ausdrücklich, dass in ihrem Unternehmen in den vergangenen zwölf Monaten Delikte durch Mitarbeiter stattgefunden haben könnten, die nicht aufgedeckt wurden. Die Untersuchung ”Gefahrenbarometer 2010. Sicherheitsrisiken für den deutschen Mittelstand“ der Corporate Trust Business Risk & Crisis Management GmbH führt dies in erster Linie auf mangelhafte Sicherheitsmaßnahmen in den Unternehmen zurück. Wo geeignete Sicherheitsstrukturen oder regelmäßige Überprüfungen fehlten, blieben vor allem Delikte wie Sabotage, Hackerangriffe oder Informationsabfluss manchmal über Jahre unentdeckt.

Eine Fehleinschätzung der eigenen Risiken macht die PwC-Studie bei vielen Unternehmen aus. So schätzen Unternehmen, die nach eigenen Angaben nicht von Wirtschaftskriminalität betroffen sind, das Risiko, selbst Opfer von wirtschaftskriminellen Handlungen zu werden, für das eigene Unternehmen deutlich niedriger ein als Unternehmen, die bereits durch Wirtschaftskriminalität geschädigt wurden. Weil sie die Notwendigkeit nicht sehen, treffen diese Unternehmen weniger Maßnahmen zur Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität und sind daher auch schlechter in der Lage, Fälle zu entdecken. Da sie nichts entdecken, fühlen sie sich nicht betroffen. Einen ”Kreislauf trügerischer Sicherheit“ nennen das die Verfasser der Studie.

Finanzielle Schäden drastisch gestiegen

Die durch Wirtschaftskriminalität verursachten Schäden beziffert die Kriminalstatistik für das Jahr 2008 auf 3,43 Milliarden Euro. Ein Vergleich verdeutlicht das Ausmaß der Schäden: Obwohl der Anteil der Wirtschaftskriminalität an allen Straftaten nur 1,4 Prozent beträgt, liegt der Anteil an den Schäden bei rund 34 Prozent!

Einen drastischen Anstieg der direkten finanziellen Schäden durch Wirtschaftskriminalität stellt die PricewaterhouseCoopers-Studie fest. In deutschen Großunternehmen verursachte im Zeitraum 2007 bis 2009 jede (!) aufgedeckte Wirtschaftsstraftat einen Schaden von fast 4,3 Millionen Euro. Der Vergleichswert im Zeitraum von 2005 bis 2007 betrug knapp 1,6 Millionen Euro. Eine zusätzliche Belastung stellen die finanziellen Aufwendungen für das Schadensmanagement (z.B. Anwaltskosten) dar, die in den vergangenen zwei Jahren noch einmal mit rund 830.000 Euro je Delikt zu Buche schlugen.
Die Euler Hermes-Untersuchung setzt die Schadenssummen ins Verhältnis zur Unternehmensgröße und stellt fest, dass gerade die kleinen Betriebe mit einem Jahresumsatz bis zu zehn Millionen Euro besonders stark durch Wirtschaftskriminalität belastet werden. Die kleinen Unternehmen erwirtschaften nämlich nur 17 Prozent des Umsatzes aller Unternehmen in Deutschland, tragen aber 45 Prozent der gesamten Schadenssumme. Auch die mittleren Unternehmen mit einem Umsatz bis zu 50 Millionen Euro werden überdurchschnittlich stark in Mitleidenschaft gezogen. Bei einem Anteil von 15 Prozent am Umsatz entfallen auf sie 29 Prozent des finanziellen Schadens durch Wirtschaftskriminalität.

Imageverluste wiegen schwer

Gravierende Folgen für Unternehmen haben auch die indirekten Schäden der Wirtschaftskriminalität. Besonders schwer wiegen Imageverluste, vor allem wenn Unternehmen von Korruption, Datendiebstahl oder auch Preisabsprachen betroffen sind. PricewaterhouseCoopers hat Großunternehmen nach den indirekten Schäden befragt. Das Ergebnis: Erheblichen Reputationsverlust in Folge einer aufgedeckten Straftat mussten im Zeitraum von 2007 bis 2009 rund 44 Prozent der Unternehmen hinnehmen, zwei Jahre zuvor waren es erst 27 Prozent. Als gravierende indirekte Schäden nannten die Unternehmen außerdem die Beeinträchtigung der Beziehungen zu Geschäftspartnern (45 Prozent) und Behörden (31 Prozent) sowie einen Rückgang der Arbeitsmoral bei den Beschäftigten (36 Prozent).

Düstere Aussichten: Wirtschaftskriminalität wird weiter zunehmen

Nach Einschätzung der Unternehmen wird die Wirtschaftskriminalität weiter zunehmen. Bereits im Herbst 2008 gaben in der Euler Hermes-Befragung 45 Prozent der Unternehmen an, dass sie einen Anstieg wirtschaftskrimineller Handlungen erwarten. Mit einer Stagnation rechneten 49 Prozent und nur sechs Prozent gingen von einem Rückgang der Wirtschaftskriminalität aus.

PrivewaterhouseCoopers fragte Großunternehmen im August 2009 nach den Auswirkungen der aktuellen Wirtschafts-- und Finanzkrise auf die Entwicklung der Wirtschaftskriminalität. Einen Anstieg von Wettbewerbsdelikten wie Industriespionage und Kartellabsprachen erwarten danach rund 40 Prozent der deutschen Großunternehmen. Etwa jedes dritte Unternehmen ist der Ansicht, dass Straftaten in Folge von Arbeitsplatzsorgen der Beschäftigten zunehmen werden.

Für ihr „Gefahrenbarometer 2010“ bat Corporate Trust mittelständische Unternehmen um eine Einschätzung, welche Gefahren sie in den nächsten Jahren für ihr Unternehmen am Standort Deutschland sehen. Informationsabfluss und Spionage betrachten rund 53 Prozent als Sicherheitsrisiko, gefolgt von Diebstahl, Einbruch und Überfall (51Prozent), Hackerangriffen (50 Prozent), Produktpiraterie (39 Prozent) sowie Korruption, Unterschlagung und Betrug (29 Prozent, Mehrfachnennungen möglich).

detektei-pool / 2009

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