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WirtschaftskriminalitätWirtschaftskriminalität besticht durch Artenvielfalt

Zwei Männer, die Aktentaschen tauschen

Wenn es etwas gibt, was Wirtschaftskriminalität „auszeichnet“, dann ist es ihre Artenvielfalt. Zudem besitzt sie eine außerordentliche Anpassungsfähigkeit an sich schnell wandelnde wirtschaftliche Bedingungen. Wirtschaftskriminalität kennt praktisch keine Krise.

Vermögens- und Wettbewerbsdelikte dominieren

Aktuelle Untersuchungen zeigen in aller Deutlichkeit, mit welchen Arten und Erscheinungsformen von Wirtschaftskriminalität Unternehmen in Deutschland konfrontiert sind und warum diese weiterhin zunehmen werden. Nach einer Studie der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC) und der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg („Wirtschaftskriminalität 2009“) stehen in deutschen Großunternehmen Vermögensdelikte ganz oben auf der langen Liste wirtschaftskrimineller Handlungen. Rund 41 Prozent der zwischen 2007 und 2009 von Wirtschaftskriminalität betroffenen Großunternehmen (insgesamt sind das über 60 Prozent aller Unternehmen) geben an, Opfer von Vermögensdelikten geworden zu sein. Vermögensdelikte – das sind vor allem Betrug, Untreue, Unterschlagung und Diebstahl.
Dicht dahinter folgen Wettbewerbsdelikte (39 Prozent) wie wettbewerbswidrige Absprachen, Produktfälschungen, Verstöße gegen Patent- und Markenrechte, Diebstahl vertraulicher Kunden- und Unternehmensdaten sowie Wirtschafts- und Industriespionage. Wettbewerbsdelikte können ganze Märkte infizieren, selbst integer agierende Unternehmen sehen dann kaum Chancen, sich heraus zu halten. Einer der Befragten beschreibt die Situation in seiner Branche so: „Ursache ist die Zwangslage des Marktes, man macht entweder mit oder man wird gefressen von den anderen.“

Korruption auf hohem Niveau

Auf unverändert hohem Niveau, so stellt die PwC-Studie weiter fest, bewegen sich Korruption und Bestechung (13 Prozent). Darüber hinaus haben 16 Prozent der Unternehmen in den letzten zwei Jahren Korruptionssituationen erlebt, d.h. sie befanden sich in einer Situation, in der sie das Gefühl hatten, dass Bestechungsgeld von ihnen erwartet wurde. Etwa 29 Prozent sind der Überzeugung, dass sie vermutlich aufgrund von Bestechung durch einen Wettbewerber eine Geschäftsmöglichkeit verloren haben. Von einer Korruptionssituationen berichtet eines der befragten Unternehmen aus der Baubranche: „Ein Projektsteuerer eines Auftraggebers prüft die von uns aufgestellten Nachtragsforderungen mit 1,0 Millionen Euro. Er bietet uns aber an, die Prüfung auf 1,8 Millionen zu erhöhen, wenn ein gewisser Betrag eben direkt an ihn fließt.“

Mittelstand nennt Schwarzarbeit und Angebotsabsprachen an erster Stelle

Die Erscheinungsformen und Spielarten der Wirtschaftskriminalität in mittelständischen Unternehmen beleuchtet eine Untersuchung der Euler Hermes Kreditversicherungs AG („Wirtschaftskriminalität. Die verkannte Gefahr“). Die Verfasser der Studie fragten im August/September 2008 Unternehmen, durch welche Formen der Wirtschaftskriminalität besonders häufig Schäden in ihrer Branche verursacht werden (Mehrfachnennungen möglich). Am häufigsten nennt der Mittelstand mit jeweils 40 Prozent Schwarzarbeit (insbesondere Unternehmen der Bauwirtschaft) sowie Angebots- und/oder Preisabsprachen. Es folgen betrügerische Insolvenz (39 Prozent), private Nutzung von Unternehmenseigentum (37 Prozent), Diebstahl durch Mitarbeiter (35 Prozent), Verrat von Unternehmensgeheimnissen und Industriespionage (35 Prozent), Korruption und Bestechlichkeit (35 Prozent), EDV- und Internetkriminalität (29 Prozent), Spesen- und Abrechnungsbetrug (25 Prozent) sowie Unterschlagung durch Mitarbeiter (24 Prozent).

Achtung, Spionage!

Alle Experten warnen davor, das Risiko von Wirtschaftskriminalität für das eigene Unternehmen zu unterschätzen. Eine grundsätzliche Warnung, die jedoch mit Blick auf das Deliktfeld „Spionage“ besonders ernst zu nehmen ist.
Der jüngste Verfassungsschutzbericht konstatiert, dass deutsche Unternehmen zunehmend den Risiken des illegalen Know-how-Transfers durch Wirtschaftsspionage und Konkurrenzausspähung ausgesetzt sind. Der Verfassungsschutzbericht unterscheidet zwischen Wirtschafts- und Konkurrenzspionage, wobei Wirtschaftsspionage das von ausländischen Nachrichtendiensten betriebene Ausspähen von Unternehmen bezeichnet und Konkurrenzspionage alle illegalen Formen des Ausforschens eines Wettbewerbers meint. Aktuell nennen die Verfassungsschützer die Nachrichtendienste Chinas und Russlands als Hauptauftraggeber für Wirtschaftsspionage. Das Interesse gelte vor allem deutscher Spitzentechnologie.

Spionage bleibt meist unbemerkt

Da Spitzentechnologie gerade in kleinen und mittelständischen Unternehmen entwickelt wird, sind auch diese ein bevorzugtes Ziel sowohl der Wirtschafts- als auch der Konkurrenzspionage. Nur wissen das viele Unternehmen nicht oder wollen dies nicht wahrhaben. „Viele Betriebe haben die Tragweite des Problems noch nicht ausreichend erkannt“, so Rüdiger Birkental, Spezialist aus dem Bereich Forensic des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG. Kaum verwunderlich daher, dass Spionagefälle nur selten entdeckt werden. „Wir vermuten, dass schätzungsweise jedes zweite oder dritte Unternehmen in den letzten zwei Jahren Opfer durch Ausspähungen von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen geworden ist, dies aber nicht bemerkt hat“, meinen die Verfasser der PricewaterhouseCoopers-Studie.
Unternehmen, die schon einmal durch Spionage geschädigt worden sind, führen dies vor allem auf zu geringe Vorsichtsmaßnahmen im Unternehmen zurück und nennen als weitere Ursachen den zunehmenden internationalen Wettbewerb, steigende internationale Unternehmens- und Informationsverflechtungen sowie steigende Kosten für Innovationen und Entwicklung.

Wirtschaftskrise stärkt Wirtschaftskriminalität

Wirtschaftskriminalität in all ihren Arten und Formen gedeiht unter den Bedingungen der Wirtschaftskrise besonders gut. Einflussfaktoren sind der enorme Wettbewerbs- und Finanzdruck, die wachsende Angst von Managern und Mitarbeitern um ihre Arbeistplätze und nicht zuletzt auch fehlende finanzielle Mittel für Prävention und Aufklärung.
Die PricewaterhouseCoopers-Studie zieht den ernüchternden Schluss, dass ein wirkungsvolles Gegensteuern gegen die wachsenden Wirtschaftskriminalitätsrisiken kaum zu erwarten sei, da es in vielen Unternehmen zwar nicht am Willen, wohl aber an den erforderlichen Ressourcen fehle.

detektei-pool / 2009

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