Wirtschaftskriminalität ist in deutschen Großunternehmen nicht
mehr die Ausnahme, sondern mittlerweile an der Tagesordnung. Rund 60 Prozent der deutschen
Großunternehmen sind in den vergangenen zwei Jahren Opfer von Betrug, Korruption, Spionage
oder anderen Wirtschaftsstraftaten geworden. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie
„Wirtschaftskriminalität 2009“, die von der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft
PricewaterhouseCoopers (PwC) in Zusammenarbeit mit der
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
erstellt wurde.
Besonders bitter: Die Haupttäter kommen mehrheitlich (51 Prozent) aus den geschädigten Unternehmen
selbst. Zwei Drittel der Straftaten aus den eigenen Reihen gehen auf das Konto von Führungskräften,
fast ein Drittel wird von Angestellten im Top-Management begangen.
Drastisch gestiegen sind die direkten finanziellen Schäden durch Wirtschaftskriminalität. Jede aufgedeckte Wirtschaftsstraftat in Großunternehmen verursachte einen Schaden von fast 4,3 Millionen Euro. Der Vergleichswert im Zeitraum von 2005 bis 2007 betrug knapp 1,6 Millionen Euro. Hinzu kamen die finanziellen Aufwendungen für das Schadensmanagement (z.B. Anwaltskosten), die noch einmal mit rund 830.000 Euro je Delikt zu Buche schlugen. Die meisten Straftaten, die zur Wirtschaftskriminalität gezählt werden, waren in den vergangenen zwei Jahren Vermögensdelikte wie Betrug oder Unterschlagung (41 Prozent aller Fälle), gefolgt von Wettbewerbsdelikten (39 Prozent) und Korruption (13 Prozent). Die größten durchschnittlichen Schäden allerdings verursachten Kartellabsprachen, Produktpiraterie, Datendiebstahl und andere Wettbewerbsstraftaten mit gut 5,8 Millionen Euro je Fall. Vermögensdelikte „kosteten“ rund 1,7 Millionen Euro und Korruptionsfälle knapp 1,6 Millionen Euro.
"Die direkten Kriminalitätskosten sind aber oft nur die Spitze des Eisbergs. Vor allem bei Korruption,
Datendiebstahl oder auch Preisabsprachen wiegt der Schaden für den Ruf des betroffenen Unternehmens
mittlerweile schwerer als der messbare finanzielle Verlust", betont Steffen Salvenmoser, ehemaliger
Staatsanwalt und Partner bei PwC.
Erheblichen Reputationsverlust in Folge einer aufgedeckten Straftat mussten im Zeitraum von 2007 bis 2009
rund 44 Prozent der Unternehmen hinnehmen (44 Prozent), zwei Jahre zuvor waren es lediglich 27 Prozent.
Als gravierende indirekte Schäden nannten die Unternehmen außerdem die Beeinträchtigung der Beziehungen
zu Geschäftspartnern (45 Prozent) und Behörden (31 Prozent) sowie einen Rückgang der Arbeitsmoral bei den
Beschäftigten (36 Prozent). Innerhalb der betroffenen Unternehmen zieht Wirtschaftskriminalität vor allem
einen enormen Zeitaufwand für das Management sowie für die PR- und Öffentlichkeitsarbeit nach sich.
Grafik „Starker Anstieg der indirekten Folgen der Wirtschaftskriminalität“.
Mit freundlicher Genehmigung von PricewaterhouseCooper
Vor dem Hintergrund der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise erwarten die befragten Unternehmen eine
weitere Zunahme der Wirtschaftskriminalität. Mit einem Anstieg von Wettbewerbsdelikten wie Industriespionage
und Kartellabsprachen rechnen rund 40 Prozent der Unternehmen, etwa jedes dritte Unternehmen ist der Ansicht,
dass Straftaten in Folge von Arbeitsplatzsorgen der Beschäftigten zunehmen werden.
Kampf gegen Wirtschaftskriminalität soll verstärkt werden – darf aber nichts kosten
Die Bekämpfung von Wirtschaftskriminalität nimmt in den Unternehmen einen hohen Stellenwert ein. So sollen
Risikomanagement und Präventionsmaßnahmen ausgebaut werden. Ob den Absichtserklärungen auch Taten folgen,
bleibt abzuwarten, denn die Budgets für solche Maßnahmen werden nicht aufgestockt. Nur 1 Prozent der
Unternehmen will mehr Geld in Maßnahmen zur Bekämpfung der Wirtschaftskriminalität investieren, 83 Prozent
lassen die entsprechenden Budgets unverändert, 16 Prozent sehen sogar Budgetkürzungen vor.
Bei der Aufdeckung von Wirtschaftsstraftaten spielt nach wie vor der Zufall eine große Rolle. 70 Prozent der Fälle wurden rein zufällig oder durch Tippgeber entdeckt und das obwohl die Unternehmen in den vergangenen Jahren ihre Kontroll- und Präventionsmaßnahmen verstärkt haben. Nur 13 Prozent der Fälle wurden von der internen Revision aufgedeckt (2005 bis 2007: 16 Prozent), Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft führten in acht Prozent der Fälle zur Aufklärung (sechs Prozent zwischen 2005 und 2007). Nach Ansicht von Professor Kai Bussmann von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bieten noch zu wenige Unternehmen ein Hinweisgebersystem oder zumindest einen Ombudsmann an, an die sich Beschäftigte oder Externe vertrauensvoll wenden können.
Als „bemerkenswert“ bezeichnen die Verfasser der Studie den Umgang der Unternehmen mit den Tätern, denn diese
mussten sich seltener vor Gericht verantworten als noch vor wenigen Jahren. So erstatteten die Unternehmen
zwischen 2005 und 2007 noch gegen 61 Prozent der Überführten eine Strafanzeige, zwischen 2007 und 2009 aber
nur noch gegen 50 Prozent. Bemerkenswert auch, dass Täter aus dem Top-Management deutlich seltener angezeigt
werden (33 Prozent) als mittlere Führungskräfte (49 Prozent) oder Beschäftigte ohne Führungsaufgaben (54 Prozent).
Erschreckend jedoch, dass 20 Prozent der überführten Top-Manager ohne jegliche Konsequenzen davon kamen! Unter
dem Gesichtspunkt der Glaubwürdigkeit und der Vorbildfunktion des Managements sei diese Praxis, so Steffen
Salvenmoser von PwC, „äußerst problematisch“.
Herne, 15. Oktober 2009
Quelle:
Wirtschaftskriminalität 2009, Sicherheitslage in deutschen Großunternehmen. Herausgeber: PricewaterhouseCoopers
in Zusammenarbeit mit der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, September 2009. Die Studie basiert auf der
Befragung von 500 deutschen Großunternehmen im Frühjahr 2009 und 100 Interviews im August 2009 zu den erwarteten
Folgen der Wirtschaftskrise.
http://www.pwc.de